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Thlaloca

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Kapitel XIV

RUDERLOS IM INDISCHEN OZEAN

      Unter dem Geleit vieler neuer Freunde verliessen wir die Lagune und setzten Kurs auf unser nächstes Ziel, die Insel Rodriguez, 2000 Seemeilen entfernt. Mit einer hervorragenden Wetterprognose der Kabelstation ausgerüstet — die mit der ganzen Welt in Verbindung stand — sahen wir, zumindest in den ersten Tagen, keine Gefahr schlechten Wetters. Am südwestlichen Ende der Inselgruppe, also nur Stunden nach unserer Abfahrt, schlug das herrliche Wetter jedoch plötzlich um. Schwarze Wolkenbänke überzogen von Osten her den Himmel, und bald blies der Wind an die dreissig Knoten. Das war das Ende der guten Wetterprognose. Schon oft haben wir diese total verkorksten Prognosen verdammt und uns Gedanken darüber gemacht, wie so was überhaupt möglich ist. Da werden Milliarden Dollar in alle möglichen technischen Apparate investiert, und sie können uns nicht mehr sagen, als was die alten Ägypter mit dem blossen Auge feststellten und voraussagten.  

Der Indische Ozean

     Mit achterlichen Wind, Windstärke 5-7, wäre das Segeln eigentlich ideal gewesen; was aber nicht so ideal war, war die aussergewöhnlich hohe und steile See, welche uns zu überrumpeln drohte. Wir erinnerten uns an Bob Griffith in Neuseeland — in unseren Augen war er, mit zwei Weltumsegelungen hinter sich, eine echte „Kanone“. Wenn wir von einer gefährlichen See sprachen, war seine Bemerkung: „Wait until you experience the Indian Ocean!“ (Wartet bis Ihr den Indischen Ozean erlebt!) Damals glaubten wir nicht, was er versteckt andeutete, heute wissen wir, was gemeint war! Jedenfalls waren die anrollenden Wellenberge in keinem gewohnten Verhältnis zur Windgeschwindigkeit. Infolgedessen zottelten wir, aus Sicherheitsgründen, mit nur einer ausgebauten Fock und wenig Fahrt dahin. Die Selbststeuerung war gerade noch in der Lage, unser Boot zu steuern. Wenn sie auch oftmals zu langsam korrigierte, so war es doch dem Handsteuern vorzuziehen — denn Handsteuern ist sehr ermüdend, und wir verabscheuten es.

     Anderseits war das langsame Dahinzotteln ein Verstoss gegen die Regel, einen guten Wind voll auszunützen. Wir setzten eine zweite ausgebaute Fock. Aber siehe da! Die erhöhte Fahrt zog die brechende See dicht hinter das Heck. In solch einer Situation raste unsere Thlaloca  in das Wellental und drohte quer zu schlagen. Ob wir wollten oder nicht, Handsteuern wurde zur Pflicht. Für einige Zeit sahen wir in diesem achterbahnartigen Rennen einen gewissen Reiz, bis uns die möglichen Konsequenzen zur Vorsicht mahnten. Demgemäss sauste einer von uns nach vorn, wenn es gefährlich aussah, und liess eine Fock fallen, um die Fahrgeschwindigkeit zu verringern. Der Kompass wurde Nebensache. Unsere Blicke waren mehr achteraus gerichtet, um Thlaloca genau vor der wild brechenden See zu halten.

     Schon von weitab erkannte ich eine besonders hohe Woge, mit einer gefährlich aussehenden Schaumkrone, die nur Unheil bedeuten konnte. Ich raste nach vorn und liess die beiden Focks fallen. Zu Siggi, die im Boot etwas Ruhe finden wollte, schrie ich: „Halte Dich fest!“ Dieser gewaltige Wellenberg brach donnernd kurz hinter dem Heck zusammen. Tonnenweise, wie eine Lawine, wälzte das Wasser den Berg herunter, fasste Thlaloca und trug sie rasend in das Wellental. Dort wurden wir von den Wassermassen begraben. Als wir wieder auftauchten, schüttelten wir uns — Thlaloca und ich — wie nasse Hunde. Mein Gott, dachte ich, wie soll das bloss enden? Siggi wurde aus der Koje gegen den Mast geschleudert und prellte sich ihren rechten Arm, der ihr noch jahrelang danach zu schaffen machte.

     Wirklich interessant war zu beobachten, wie unseres Schiffchen in das Wellental sauste, mit einer Bugwelle so hoch, dass sie das Deck weit überragte. Als die Wassermassen uns begruben, war es nur mein Kopf und ein Teil des Mastes, welche für Sekunden über Wasser ragten.

     Drei Tage später war das Meer noch so genau wild und gefährlich. Mit fallendem Barometer schwand unsere Hoffnung auf Besserung. Es konnte nur schlimmer werden, und die Furcht davor zehrte an unseren Nerven.

     Wäre es nicht der Grauen des eigentlichen Erlebnisses, sollte man philosophisch darüber nachsinnen und der Vorsehung dankbar sein, die ungezähmte Macht der Natur zu erleben, die sich während einer fürchterlichen Nacht offenbarte: Als der Vollmond die Wolkendecke durchbrach und für Augenblicke ein ungewöhnlich schönes Panorama erleuchtete. Schatten tanzten über der Wasserwüste wie ausgestreckte Fühler eines gigantischen Tintenfisches und betonten jedes Detail des wogenden Meeres. Während eines erhellten Augenblicks befanden wir uns am Boden eines riesigen Tals, umringt von einer Kette flüssiger Berge und die Schaumkämme der Brecher glitzerten wie ein Feuerwerk. Im nächsten Mondlicht sassen wir auf einem dieser Wasserberge, als ob uns ein Riesenkran dort hingesetzt hätte, und wir blickten mit Ehrfurcht in ein unendliches Tal. Auf diese dramatische Weise wurden wir erinnert, wie klein und unscheinbar wir Menschen gegen diese Naturgewalten sind: Weiter nichts als mikroskopisches Treibgut, eine mysteriöse Welt, die uns zwar duldet, in der wir aber leicht vernichtet werden können — auf dem weitem Meer, wo die Elemente erbarmungslos regieren!

     Schweigend drückten wir uns gegenseitig die Hände, denn wir erkannten deutlich, wer uns durch diese Höhen und Tiefen hilft: Ganz bestimmt nicht wir mit unseren bescheidenen menschlichen Mitteln, sondern eine überirdische Kraft. Somit ist es Unsinn zu glauben, wir könnten dieser Macht mit Körperkraft und Intelligenz trotzen.

   Ohne Zweifel gibt es wesentliche Voraussetzungen, die Überlebungschancen zu erhöhen, und eine dieser ist in erster Linie ein seetüchtiges Schiff und  . . . jawohl . . . eine gewisse Intelligenz und persönliche Fitness — welchen Wert auch immer der eine oder andere darauf legt. Für uns gab es prinzipiell zwei Voraussetzungen: Ein gutes Schiff und Glück — Glück, das man bei jedem Unternehmen haben muss, um erfolgreich zu sein.

       Mit ausgebauter Sturmfock segelten wir in den dritten Tag hinein. Plötzlich stand eine steile See hinter uns und brach zusammen. Total überschwemmt von den überkommenden Wassermassen, verlor ich den Halt an der Winsch. Bevor ich wusste, was geschehen war, schwamm ich schon im Wasser. Sekunden der Panik folgten, bis sich die Sicherheitsleine an den Hüften festzog. An der Leine zog ich mich zurück zum Boot. Die nächste Welle setzte mich ohne geringste Anstrengung wieder dorthin, wo ich vor einer Minute geschworen hätte, keine Macht der Erde kann mich ungewollt vom Boot trennen. Offensichtlich hatte ich die Macht, die im Spiele war, total unterschätzt!

     Genau einen Tag später, es war zwei Stunden vor Mittag, erkannten wir, obwohl noch weit achteraus, eine steile Welle, die auf uns zukam. Dass sie gefährlich war, erkannten wir an ihrer Form: die oberen Meter ein helles Grün und im Begriff, sich zu überstürzen. Dieser gewaltige Wasserberg brach zehn Meter hinter unserem Heck donnernd zusammen. Für Sekunden hatte ich das Boot unter Kontrolle als es in das Tal raste. Durch die Pinne spürte ich den enormen Druck am Ruder. Dann stürzten die Wassermassen über uns. Wir klammerten uns an die Winschen—bloss nicht über Bord gehen! Als wir wieder auftauchten, schüttelten wir uns das Wasser vom Körper. Ich fasste wieder die Pinne, aber das Boot reagierte nicht mehr. Das Ruder sowie auch der Leitkopf waren gebrochen. Dass darüber kein Zweifel bestand, merkten wir am Klopfen der losen Teile am Rumpf. Viel Zeit zum Überlegen gab es nicht, wenn wir verhüten wollten, dass womöglich der Rumpf durchbohrt wird.

     Mit der Sicherheitsleine um meine Hüften sprang ich ins Wasser um die einzelnen Teile mit einer Leine zu sichern, was bei den wilden Tänzen des Bootes nicht einfach war, während Siggi im hinteren Stauraum Platz schaffte, um die Muttern der drei 12mm Bolzen, die den Leitkopf am Rumpf hielten, zu lösen. Das getan, lösten sich die Teile durch die Bewegungen des Bootes allein vom Rumpf. Wir hievten sie dann an Bord. Keiner der Bolzen war gebrochen, sondern der hölzerne Leitkopf (an dem ja der untere Teil eines Ruders allgemein befestigt ist) war dem Druck nicht gewachsen und somit seitlich weggedrückt worden. Die Bolzenlöcher im Rumpf verstopften wir mit Holzdübeln, um weiteren Wassereinbruch zu verhüten.

     Was nun? Wir brachten den Treibanker über das Heck aus, damit das Boot den anstürmenden Wellen, mehr oder weniger das Heck zeigt. Das gab uns eine Pause, um zu überlegen und zu verkraften, was überhaupt passiert war. Beim Gedanken, dass wir mindestens 1600 Seemeilen vom nächsten Hafen waren, ohne Leitkopf und Ruder in einem zweifellos unfreundlichen Ozean, überkam uns ein leichtes Grauen. Siggi sass mir gegenüber im Cockpit, ihr sonst so geordnetes Haar in Strähnen, vom Salzwasser an ihrem Gesicht festgebacken, ihre Hände weiss von der Kraftanstrengung an der Winsch, um nicht über Bord geschleudert zu werden. Ich habe sie bedauert und bewundert; bedauert, dass ich sie durch meinen Ehrgeiz, in einem kleinen Boot um die Welt zu segeln, in solch eine prekäre Situation gebracht habe; bewundert, mit welcher stoischen Ruhe sie ein Desaster verarbeitet. Wie so oft in der Vergangenheit in brenzlichen Situationen, war es ihre Ruhe, die mich überzeugte, dass wir zusammen alles meistern können.

      Ich habe in meinem Leben noch nie so viel gebetet wie in diesen Tagen. Alles sah so hoffnungslos aus. Der heulende Wind, die erbarmungslose See, die andauernd das ganze Boot überrannte, so dass wir uns immer wieder, wie nasse Pudel, das Wasser vom Körper schütteln mussten. Unsere Thlaloca, die ohne Leitkopf und Ruder achtern keinen Widerstand mehr hatte, tanzte wie ein Kreisel wild umher. Wie können wir so ein angeschlagenes Boot und uns aus dieser heiklen Situation retten? Mein lieber Gott, hilf uns, bitte! Jetzt kam es auf IHN an, und natürlich Hein, einen Ausweg zu finden. Ich wusste, dass mein inniges Beten mir innere Ruhe gab und letztlich die Überzeugung, dass wir es schaffen werden.

      Nun geschah es nicht, dass uns Wind und See auf Grund unserer prekären Lage Gnade zeigten. Nein, ganz im Gegenteil, denn jetzt, wo das Boot keine Fahrt mehr machte, pfiff der Wind sogar noch einen höheren Ton, und der Ozean war noch genau so wild wie vorher.

     Auf dem Vordeck verzurrt lagen zwei starke, drei Meter lange Latten, genau für den Fall eines Unglücks dieser Art gedacht. Im hinteren Stauraum hatten wir ein 18mm dickes, 60x60 cm grosses Stück Sperrholz. Nägel, Schrauben, Bolzen hatten wir zur Genüge. Dieses Sperrholzstück bolzten wir zwischen die beiden Latten und laschten diese–als Notpinne–zum Steuerbord Püttigeisen. Leider war das eine Fehlkonstruktion. Erstens war das Achterdeck ewig vom Seewasser überspült und deshalb zu glatt, um Halt zu finden. Zweitens, war die „Pinne“ zu kurz, wir mussten das Innenbordende zu hoch halten, um die Ruderfläche genügend einzutauchen, was zur Folge hatte, dass wir in kurzer Zeit von den Anstrengungen erschöpft waren.  

Bedenkt folgendes: Ohne Ruder und Skeg hat das Boot keine laterale Stabilität mehr, folglich tanzt es wie ein Kreisel

     Die darauffolgende Nacht war schrecklich. Obwohl der Treibanker genau das tat, was unter normalen Umständen von ihm verlangt wird, konnte er in diesem Fall die wilden Schwingungen des Bootes nicht stabilisieren. Die Wogen trugen den Treibanker nach vorn, und die Leine am Heck schlaffte. Ohne Leitkopf und Ruder hatte das Boot keine laterale Stabilität mehr, sie legte sich dann sofort quer zur anrollenden See. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie der grollenden See wieder das Heck zeigte. Jedenfalls wurde uns klar, dass wir so kein Land mehr sehen würden. Vorerst belegten wir die Treibankerleine an der Steuerbordseite vom Heck und setzten eine Fock, bis wir etwas Effektiveres zu finden hofften.

     Am folgenden Morgen übersetzten wir unsere Gedanken in etwas Konstruktives. Ich nahm das vorhergenannte Stück Sperrholz in die Kabine. Zu Beginn unserer Reise hatten wir eine sehr gute Handsäge an Bord. Sie war aber über die Jahre hinweg so verrostet, dass ich sie nach dem Unglück in Rarotonga versenkt hatte. Als Ersatz fand ich in der Werkzeugkiste ein Eisensägeblatt. Ein Teil davon umwickelt mit einem Waschtuch als Handgriff, begab ich mich daran, die 18mm Sperrholzplatte diagonal zu teilen. Ich war überzeugt, dass alle Götter, wo auch immer sie waren, sich bemühten mich zu strafen. Denn jedes Mal, wenn ich die geeignete Position hatte um zu arbeiten, machte das Boot eine der unmöglichsten Bewegungen, die mich mit der Zeit in jede Ecke des Bootes katapultierten. Dazu lief mir der Schweiss in Strömen am Körper herunter. Ich fluchte wie ein Rohrspatz. Siggi hörte diese Ausbrüche, sie riss dann die Luke auf mit der Warnung: „Wenn Du so weiter fluchst, werden wir nie wieder Land sehen!“ Siggis Mahnungen durch die teilweise geöffnete Luke  brachten manchmal eine Ladung relativ kühles Seewasser mit sich, das über meinen erhitzten Körper spülte. Welch eine Wohltat!

     Nachdem ich diese scheussliche Arbeit, die mehr als einen halben Tag dauerte, hinter mich gebracht hatte, begab ich mich wieder an Deck. Siggi hielt mich und gleichzeitig balancierte sie auf meinen Beinen als Gegengewicht, während ich, über das Heck gebeugt, ein diagonales Sperrholzstück an die Motorhalterung bolzte, welches als laterale Unterstützung dienen sollte. Ganz klar, jedesmal wenn das Heck wegtauchte war ich mit Kopf und Oberkörper im Wasser, und um weiter zu arbeiten, musste ich mich erst wieder erholen. An das andere Sperrholzstück bolzte ich Holzstücke als Verlängerung, woran wir die Pinne befestigten. Am Innenbordende des Sperrholzes bohrte ich zwei 24mm Löcher, die ich mit Kupferfolie auslegte, um das Holz gegen Schamfilen zu schützen. Das Ganze banden wir, mit Hilfe von leichter Dacronleine durch die beiden 24mm Löcher, ebenfalls an die Motorhalterung. Das Resultat der vielen Arbeit war etwas wackelig, anscheinend aber stark. Jedenfalls hatten wir wieder eine Steueranlage, und das war ja wohl die Hauptsache.

     Den Treibanker zogen wir ein. Stattdessen knoteten wir alle unsere Leinen zusammen und brachten sie im Rundlauf übers Heck aus. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass wir in Balboa, Panama, die Bekanntschaft eines englischen Seglers von der Yacht Gannet machten, mit Namen Ron. Auf der westindischen Insel Antigua, genauer gesagt im English Dockyard, hatte er sehr viel Tauwerk und einige alte Segel gratis bekommen. Selbst überladen, gab er uns davon an die fünfzig Meter geteertes Tauwerk und ein riesiges Baumwollsegel ab, von dem wir uns einen Sonnenschutz nähen wollten. Jedenfalls kam uns dieses Tauwerk jetzt gelegen. Alles in allem zogen wir an die 60 Faden hinter uns her.

     Mit neunzig Seemeilen am ersten Tag, gefolgt von zweiundneunzig am zweiten Tag, sahen wir den ersten Schimmer von eines hoffentlich glücklichen Endes. Dann aber kam der elfte Oktober mit einem furchterregenden Horizont im Osten. Heulende Winde folgten, und starke Böen jagten die Köpfe der Wellen in dicken Schichten horizontal über die Seenlandschaft. Was blieb uns noch übrig als inniges Beten und Hoffen, dass wir es überleben?

     Achtzehn Stunden später befanden wir uns zweiundachtzig Seemeilen westlich unseres Generalkurses (Loxodrome, rhumbline). Ein Teil dieser enormen Abtrift ist sicher auf die letzten drei Tage verteilt, wo das Wetter und das Meer zu schlecht war, um mit dem Sextanten eine Position zu bestimmen. Es war schlimm, denn jede Seemeile, die wir von unserem Kurs zum Westen hin verloren, brachte uns dichter an den Wind. Und nur unter Vorsegeln zu segeln wurde dementsprechend schwieriger (Das Grosssegel konnten wir wegen zu wenig Längsstabilität durch das Ersatzruder nicht tragen). Am besten wäre ein Ziel weiter westlich gewesen, aber wir wussten, dass die Kabelstation auf Cocos Keeling ihre Kollegen in Rodriguez über unsere eventuelle Ankunft dort benachrichtigt hatte. Unser Nichterscheinen hätte allerlei unnötige Komplikationen zur Folge gehabt.

     Jede Welle, die achterlicher als mittschiffs gegen den Rumpf knallte, drehte Thlaloca in den Wind, und es dauerte dann lange, bis das kleine Ruder unser Schiffchen wieder auf Kurs brachte. Das nagte schon an den Nerven, aber es war dann das schlagende Segel, das uns zur Verzweiflung trieb. Es wurde wichtig, das zu unterbinden. Zu Hilfe kam Ron’s Segel (von der Gannet), wovon wir das obere Dreieck einfach abschnitten, ebenso Unterliek und Halshorn. Wir nähten sie an die Stellen, wo sie hingehörten. Die Schnittstellen wurden umsäumt und vernäht. Wir hatten damit ein Segel von etwa zwei Quadratmeter; ein Quadratmeter kleiner als unsere Sturmfock, unser kleinstes Segel! Das angefertigte Segel baumten wir, flach wie ein Brett, etwa 30 Grad zum Wind. Das erreichte Resultat war, dass das Boot weniger in den Wind schoss.

    Zwei Stunden Wache (steuern), zwei Stunden Schlaf, schon über vierzehn Tage lang, wir waren erschöpft und todmüde. Dazu kam, dass wir ewig dem überkommenden Seewasser ausgesetzt waren. Unsere Hinterteile waren voller Pusteln; ständig mit Seewasser umspült, juckten und bissen sie wie der Teufel. Unser anhaltendes Kratzen, um das Jucken zu unterbinden, schälte die Haut ab. Am Ende sahen unsere an und für sich nicht unattraktiven Achterteile nicht besser aus als die der Affen. Wenn wir nicht mehr sitzen konnten, knieten wir im Cockpit — bis die Knie ebenfalls wund wurden.

     Am 15. Oktober segelten wir durch eine Reihe von Regengüssen. Das Meer war immer noch stark bewegt, mit hohen Bergen, aber ohne Schaumkämme. Das waren Anzeichen einer Wetterwende. Hungrig auf Schlaf — und mehr als nur die üblichen zwei Stunden — entschieden wir uns beizudrehen. Doch erst demontierten wir das Notruder, um es gegen unnötige Belastung zu schützen. Dieses verlangte eine halbstündige, anstrengende Arbeit, die wir bislang gescheut hatten.

     Da eine unserer beiden Kojen mit dem gebrochenem Leitkopf und dem Ruder belegt war, krochen wir zusammen in die Steuerbordkoje. Wir verbrachten eine unruhige Nacht, aber jedenfalls besser als die vorherigen Zweistundentörns. Mit einer dicken Schicht Vaseline auf unseren Wunden hielten wir das Beissen und Jucken in Grenzen.

     Der folgende Morgen weckte uns mit Sonnenstrahlen, die länger als nur für Minuten bei uns blieben. Ein handfestes Frühstück supercharged unsere Körper und Sinne wieder zu seltener Höhe auf. Wir schätzten uns die glücklichsten Menschen, in dieser Welt geboren zu sein.

     Der zwanzigste Oktober war der erste Tag seit Verlassen der Cocos Keeling Inseln, an dem die Sonne den ganzen Tag über schien. Ein nur zwölf Knoten Wind schwacher Wind hatte die See beruhigt, so das wir die Genoa 1 setzen konnten. Unsere Schleppleine, die wir jetzt schon zwei Wochen lang hinter uns nachzogen und die dick mit Muscheln bewachsen war, war immer noch nötig, um das Steuern zu unterstützen. Zwei Tage später gab uns ein Stern-Fix eine genaue Position, die das Ende der Überfahrt innerhalb eines Tages erhoffen liess.

     Am folgenden Morgen war der Himmel mit einem halben Dutzend saftiger, dunkler Wolken behangen, die wie ein Vorhang bis zum Meere reichten. Unter jeder, die in Kursrichtung lag, vermuteten wir Land — aber unter welcher? Siggis empfindliche Nase, die mich schon oft zur Verzweiflung gebracht hatte, schnupperte, wie eine Radarantenne, die einzelnen dunklen Wolken ab. Als ihre Nase Land ortete, das ausserhalb jeglicher vernünftiger Überlegung lag, zudem noch im Lee, erklärte ich ihren Riechsinn als total verkorkst. Eine Stunde später, mit dem Ausruf,  land-ho,  musste ich wieder einmal klein beigeben. Und von da ab gab es in dieser Beziehung zwischen uns keinen Disput mehr.

     Der Wind wurde immer schwächer. Wir zogen daher die Schleppleine an Bord und setzten das gereffte Grosssegel. Trotzdem war unser Fortschritt langsam und wir mussten noch eine Nacht, beigedreht, auf See verbringen. Es war eine wundervolle laue Nacht, mit Millionen funkelnder Sterne am Himmelszelt. Mit hoffnungsvollen Gedanken, dass die Strapazen der vergangenen Wochen nun vorüber waren, fielen wir in einen festen Schlaf.  

     Schon sehr früh morgens ging es weiter. Mit wenig Wind und Fortschritt dauerte es lange, bis wir Einzelheiten an Land erkennen konnten. Wir waren überrascht, als sich vor uns ein scheinbar unendliches Riff ausbreitete. Wir waren darüber durch die Seekarte informiert. Aber eine Seekarte, die einen ganzen Ozean umfasst, ist für eine Ansteuerung fremder Häfen nicht zu empfehlen! Somit unterschätzten wir das Ausmass des Riffes. Hätten wir die wirkliche Ausdehnung des Riffes geahnt, wäre unser Schlaf sicherlich nicht so tief gewesen!

     Bald sahen wir ein Motorboot auf uns zukommen, das uns auf den Haken nahm und uns durch einen extrem gewundenen Kanal in einen kleinen aber sehr sicheren Hafen zog. Wie bei fast jeder Ankunft in einem fremden Hafen, hatte sich eine Menschenmenge versammelt, die, aus Neugier oder Langeweile, alles Ungewöhnliche als einen Festtag betrachteten.  

Ankunft Rodriguez Insel--deutlich sieht man das Notruder

     Aus der Menge lösten sich drei Personen: Es waren Monsieur Vallet (Magistrat der Insel) mit seiner Frau und Mr. Remy, der Polizeikommissar. Durch die allgemeine Unordnung an Deck und die offensichtliche Notruderanlage erkannten sie sofort, dass mit Thlaloca nicht alles in Ordnung war. Nachdem wir das Unglück geschildert hatten, versicherten sie uns aller notwendigen Hilfe.

     Am nächsten Tag wurde Thlaloca von einem Kran an Land gesetzt. In einer Werkstatt erneuerte man alle beschädigten Teile. Genauer gesagt, wir brauchten ausser zu beraten überhaupt nichts zu tun. Material, wie Nirostastahl für einen neuen Ruderstock, das auf einer Insel schwer erhältlich war, wurde uns von einem Geschäftsmann geschenkt. Die Gesamtrechnung war, wie in Ensenada, gleich NULL! Uns wurde erlaubt, die Arbeit der Männer und die von Mr. Nicolai, dem Ingineur, mit einer Kiste Bier und einigen Flaschen Schnaps anzuerkennen. So waren Mr.Yeend in Mexiko und die hilfsbereiten Leute in Rodriguez diejenigen, die enorm zum Gelingen unserer Weltreise beigetragen haben.

     Landschaftlich ist die Insel wirklich schön, und Mr. Philip Hutchins, derzeitiger Verwalter der hiesigen Landwirtschaft, nutzte jede Gelegenheit, uns in seinem Landrover herumzufahren. Auch zu einem Pfarrhaus, wo uns drei katholische Pastoren freudig begrüssten. Sie waren überglücklich ausländische Gäste zu haben, so dass sie sofort ein anscheinend geheimes Wandfach aufschoben, worin nicht weniger als zwei Dutzend Schnapsflaschen wie zur Parade standen. Dass diese geistliche Hoheiten etwas von alkoholischen Getränken verstanden und nur das Beste bevorzugten, wurde uns beim Lesen der Etiketten klar. So verbrachten wir etliche Stunden inmitten einer heiteren Gesellschaft. Einer grossen Milchwirtschaft galt unser nächster Besuch. Philip, unser Landwirtschaftexperte, gab uns einen langen Kommentar über das ganze Unternehmung. Wie es schien, war sein Wissen unerschöpflich. Um nicht wie eine „dumme Kuh“ zum Zuhören verurteilt zu sein, fand ich den Mut zu fragen. Aber was wusste ich schon über Kuhwirtschaft! Ich wusste nur, dass Rinder, genau wie Menschen — wenn ich das mal so vergleichen darf — verschiedene Hautfarben tragen; es gibt weisse, schwarze, braune, Friesen, Holsteiner, und wie sie all heissen. So fragte ich den Aufseher, einen Franzosen mit wenig Englischkenntnissen: „What breed is that?“ (Welche Rasse ist das?) Der gute Mann schaute mich erstaunt an, überzeugt ich müsse ein Idiot sein, „Tees is cow, Monsieur!“ (Das ist Kuh, Herr!). Um soviel klüger, waren wir bald  wieder zurück im Hafen.

     Diese und viele andere Gelegenheiten, die uns geboten wurden, kosteten wir mit Wonne zwei Wochen lang aus. Danach zog uns das Meer wieder in seinen mysteriösen Bann — auf zur nächsten Insel, Mauritius.

Thlaloca    Kapitel XV